8. Mai – Neonazis marschieren durch Burg!

Am 08. Mai 1945 unterzeichnete der deutsche Generalfeldmarschall Keitel im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Jenes Datum markiert bis heute und in ferne Zukunft das Ende des zweiten Weltkrieges in Europa und die Befreiung vom Nationalsozialismus. „Die Nationale Freiheitsbewegung wird einen Teufel tun, sich zu diesem Datum, welches sogenannte „Gutmenschen“, gern als Feiertag sehen wollen, nicht zu äußern.“, musste man auf einem Flugblatt lesen, welches am Rande eines Aufmarsches von etwa 300 Neonazis in Burg verteilt worden ist. Die „Freien Kräfte“ meldeten an diesem gedenkträchtigen Feiertag eine Demonstration unter dem Motto: “8.mai – wir feiern nicht!” ab 18.00 Uhr an. Eine öffentliche Mobilisierung zu diesem Aufmarsch suchte man in öffentlichen Quellen vergebens. Über die Zahl der Teilnehmer, die sich mit ausgesprochen konspirativer, klandestiner Bewerbung nach Burg im Jerichower Land mobilisieren ließen, staunten nicht nur die knapp aufgestellten Polizeikräfte.

Ihren Bezug zum besiegten Nazideutschland brachten die Teilnehmer nicht nur auf ihrer Kleidung unmissverständlich zum Vorschein, auch in Reden z.B. von Anmelder Danny G. („Freies Netz“) oder Andreas Biere (Initiative gegen das Vergessen) waren die Verdrehungen von Fakten, Ursachen und Wirkung schleudererregend. Die Empathie der Neonazis für jene „Volksgenossen“, die das nationalsozialistische Terrorregime in breiter Masse mit trugen und den industriellen Massenmord an Menschen erst ermöglichten oder aktiv umsetzten, ist zweifelsfrei weit größer als für Menschen die vom deutschen Vernichtungswillen getrieben in Konzentrationslagern interniert worden oder in Angriffskriegen an der gegnerischen Front fielen.

Für die BurgerInnen, die anlässlich des Tages zwei Stunden zuvor auf dem Friedhöfen der Opfer beider Weltkriege gedacht haben, hat Anmelder Danny G. zum Auftakt der Veranstaltung eindeutige Worte übrig: „Eine größere, verlogene und vorgetäuschte Scheinheiligkeit gibt es doch gar nicht. Diese Typen sind der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Und das ist einer der Gründe, wieso wir, die wir heute hier stehen, die Nase voll haben von dieser widerlichen Heuchelei. Wir haben uns hier heute versammelt, um gemeinsam unsere Stimme zu erheben und es durch die Straßen hallen zu lassen. Hier steht Deutschlands Jugend und wir haben die Schnauze voll von diesem Verrätersystem, wir haben kein Bock mehr auf die ewig gestrigen Lügen und wir kämpfen zusammen, um dem ein Ende zu setzen. Und darum frage ich Euch: Wer wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt? Nationaler Sozialismus – jetzt, jetzt, jetzt!“ Der Forderung nach einem „Nationalen Sozialismus“ stimmt die Masse der anwesenden Neonazis lauthals mit ein. Mit den Worten: „Nichts für uns – alles für Deutschland!“, schließt der Neonaziaktivist G. seine Auftaktrede.

Jens Bauer, ehemaliger stellvertretender Landesvorsitzender und Landespressesprecher der sachsen-anhaltinischen NPD lässt im Verlauf der Veranstaltung mehrfach vermeintliche „oral history“ geschundener „Volksgenossen“ Revue passieren: „Am heutigen 08. Mai 2009 lassen wir die Zeitzeugen des 08. Mai 1945 sprechen, dem angeblichen Tag der Befreiung.“ Der Einleitung schlossen sich einseitige Geschichten über „alliierte Greueltaten und Grausamkeiten“ im Zuge der Zerschlagung Nazideutschlands an. Ein verteiltes Flugblatt (V.i.S.d.P. Enrico Marx) titelt unmissverständlich: „8. Mai 1945 Kein Tag der Befreiung – ein Tag tiefster Trauer und die Welt sah zu!“ Mit zweifelhaftem Zahlenmaterial in Stichpunkten versuchen die Schreiber hier zu belegen, „das(s) nach Kriegsende mehr Menschen ums Leben kamen, ist keine Behauptung, sondern eine bewiesene Tatsache!“ Kriegsgefangenschaft für Angehörige der deutschen Wehrmacht, Umsiedelung deutscher Zivilisten und Entmilitarisierung des besiegten Nazideutschland sind aus Sicht der anwesenden Neonazis scheinbar größere Verbrechen als jene die von deutscher Hand und deutschem Boden ausgingen und millionenfach Menschen in Deutschland und der ganzen Welt das Leben kosteten.

Die zuständige Polizei soll im Vorfeld bei ihrer Gefahrenanalyse für diese Veranstaltung nach ersten Korrekturen von 100 bis 150 Teilnehmern ausgegangen. Einfach wahr dies Einschätzung sicher nicht zu bewerkstelligen gewesen, da die Neonazis der „Freien Kräfte“ bis über die sachsen-anhaltinische Landesgrenze hinaus ausschließlich über interne Wege für diese Veranstaltung warben. Das Erscheinen von mehr als 300 Neonazis am Burger Bahnhof ging nicht spurlos an den Einsatzkräften vorbei. Das Gros der Teilnehmer war augenscheinlich dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ zuzurechnen, diese haben sich im vergangenen Jahr vielfach als explizit gewaltbereit hervorgetan und somit oft für Schlagzeilen gesorgt. Das ein solcher Aufmarsch aufgrund knapp kalkulierter Einsatzkräfte ohne jegliches Seitenspalier, nur vorneweg und hinterher durch Beamte abgesichert wird, sieht der regelmäßige Beobachter nur selten. Die Bedenken über die mangelnde Absicherung war einigen Polizeibeamten an diesem Tag merklich anzumerken.

Bilder von dem Naziaufmarsch:
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