Genthin: Rechtsrock-Wiederholungstäter

Bereits am 24. Januar 2009 veranstalteten Rechtsextreme wiederholt in Genthin ein Neonazikonzert. In der Tanzbar „Neue Welt“ in Genthin/Altenplathow fand nicht die erste Musikveranstaltung der rechten Szene statt, wie der Pressesprecher des zuständigen Polizeireviers bestätigt. Bereits am 31. Oktober 2008 hatte die Polizei eine ähnliche Veranstaltung in den selben Räumlichkeiten aufgelöst. „Diesen Veranstaltungsort können Sie privat anmieten!“, preist die Inhaberin im Internet an. Noch im Frühjahr 2008 hatte die regionale Neonaziszene ein als „Baracke Genthin“ bekanntes Objekt als „nationalen Jugendclub“ angemietet und dort ebenfalls versucht Rechtsrockkonzerte zu veranstalten. Nach der Kündigung des Mietvertrages ist das Problem offensichtlich nicht verschwunden.

Glaubt man den ausschweifenden „Erlebnisberichten“ einschlägiger Neonaziforen, sollen am 24. Januar 2009 zwischen 200 und 270 Rechtsrockfans ein „Konzert in Sachsen Anhalt mit Bloodline, Die Barbaren, Preussenstolz, White Society und White Blizzard“ genossen haben. Vor 22.00 Uhr soll die Musikveranstaltung begonnen haben. „Soweit eine gelungene Veranstaltung“ resultieren Neonazis den Abend. Ein User der sich als Sänger der NS-HC-Band (nationalsozialistische Hardcore-Band) „Bloodline“ ausgibt meint dazu: „Der Abend war sehr lustig das Bier floß in strömen super Lokal gewählt und keinen Ärger.“

Sehr ausgelassen müssen die Konzertbesucher gefeiert haben und sich auch vorerst keine Gedanken um einen drohenden Einsatz der Polizei gemacht haben. Aufgrund gespielter Lieder der wohl als zweites aufgetretenen Band „Bloodline“ will der vermeintliche Sänger nachträglich sicher gehen, für das Dargebotene keine Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden auf sich zu ziehen. So schreibt er im Forum: „Möchte euch nur bitten die Videoaufnahmen von dem letzten Lied zu löschen wollen nicht das das in den Umlauf kommt!“„Bloodline“ – eine Band, die wohl aus dem sachsen-anhaltinischen Querfurt stammt, bot ihren Musikstil des extrem rechten „NS-Hardcore“ bereits auf dem NPD-Sommerfest in Sangerhausen dem Publikum an.

„White Society“ – Name ist ideologisches Programm – eine scheinbar junge Band, die laut Eigenbekunden an diesem Abend erst ihren fünften Auftritt absolvierten. „Die Barbaren“ (Eisenhüttenstadt) sowie „Preussenstolz“ (Potsdam) reisten für den Auftritt aus Brandenburg an. Wie den Einträgen der Neonaziforen zu entnehmen ist, war auch der Betreiber des Online-Versandhandels „Odins Eye“ auf dem Konzert vertreten, laut Bekunden der Band ist Steffen Bösener ihr Verleger („Record Label“). Die fünfte angekündigte Rechtsrockband des Abends – „White Blizzard“ – sind die Lokalmatadore aus dem Raum Burg, ganz in der Nachbarschaft.

„White Blizzard“ allerdings konnten ihren Auftritt nicht mehr wahrnehmen, da die Polizei dann wohl bereits vor der Tür gestanden hätte. Unterschiedliche Standpunkte, zum Eintreffen der Polizeibeamten, werden im Forum lauthals diskutiert. „Was ich nur sehr enttäuschend fand, (…) dass ein gig zum stehen gebracht wurde nur weil draußen zwei bullenkarren auftauchten?“ und „die verdammten bullen müssen doch erst mal was handfestes haben um eine auflösung begründen zu können.“ – kontra – „Ich kann mir nicht vorstellen, dass nur 2 Bullenautos gewartet haben…denke der Rest stand ausserhalb vom Ort und hat gewartet…ganz sicher. Bei uns ist es so, dass die erst alles zusammenknüppeln bzw. stürmen… “

Der Pressesprecher des zuständigen Polizeireviers beteuert auf Nachfragen, dass es keine Auflösung der „rechten Musikveranstaltung“ gegeben habe. Gegen 01.00 Uhr hätte ein Streifenwagen mehrere PKW vor der Diskothek in der Großen Waldstraße wahrgenommen. Nachdem weitere Polizeibeamte hinzugezogen worden sind, wurden noch die Personalien von 43 Anwesenden kontrolliert. Den zwölf eingesetzten Beamten zufolge sei die Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt scheinbar beendet gewesen, so der Polizeisprecher.

Ob die Veranstalter – diese „schienen recht überfordert zu sein… macht zumindestens den eindruck…“, wie ein Rechtsrockfan schrieb – das Konzert kurzerhand, beängstigt aufgrund eines Streifenwagens, beendeten, wird im Forum nicht eingehender diskutiert. Der polizeiliche Staatsschutz scheint im Vorfeld jedenfalls nichts von der „rechten Musikveranstaltung“ gewusst zu haben. Wohin die restlichen Konzertbesucher der Personalienkontrolle entkommen konnten, bleibt offen.

Auch am 31. Oktober 2008 hat in Genthin bereits ein Rechtsrockkonzert stattgefunden, wie der Behördensprecher bestätigt. Etwa 100 Besucher sollen hier zu einschlägig bekannten Neonazibands in die selbe Location gekommen sein. Hier sollen „White Society“, „Cynic“ (Potsdam), „Preussenstolz“ (Potsdam) und „Vea Victis“ (Köthen) gespielt haben. „Dabei wurden von insgesamt 21 Personen die Personalien überprüft und die als Privatfeier getarnte Veranstaltung beendet.“, teilte das Polizeirevier Jerichower Land am 03. November 2008 in einer Pressemitteilung mit. Im Nachgang sollen mutmaßliche Besucher des Konzertes in Jerichow ein wiedererkanntes Zivilfahrzeug der Polizei mit Gegenständen beworfen haben.

In Genthin/Altenplathow hat die Polizei bereits im Frühjahr 2008 eine als Geburtstagsfeier getarnte Musikveranstaltung in einem rechten Treffpunkt vorzeitig beendet. Die „Baracke Genthin“, eine angemietete, altgediente Baracke im Industriegenbiet, ganz in der Nähe der Tanzbar „Neue Welt“, hielt derzeit als regelmäßiger Treffpunkt der Szene her. Nach Einsicht des Vermieters ist dieser Ansatz eines „nationalen Jugendclubs“ unterbunden worden, weil die Vermutung von Straftaten nahegelegen habe. Die Folge des Nutzungsentzugs war ein Aufmarsch von etwa 250 Neonazis am 07. Juni 2008 mit der Forderung nach einem „nationalen Jugendzentrum“ gewesen. Wie häufig zu beobachten ist, sahen sich die Protagonisten auch hier als Opfer der Intoleranz von Demokraten. Am Rande des Aufzuges beschimpften und beleidigten die Teilnehmer den anwesenden Bürgermeister Genthins.

Rechtsextreme Musik gilt unter Beobachtern wie auch unter Neonazifunktionären selbst als „Einstiegsdroge Nummer 1“ in die organisiert verfasste Szene. Über Musik lassen sich Jugendliche effektiver ansprechen als über Kampfschriften oder Parteiprogramm, das hat die extreme Rechte seit Jahren erkannt und nutzt diesen Fakt, um jungen Nachwuchs heran zu zuziehen. Bereits am folgenden Wochenende (31.Januar 2009) fanden zwei weitere Konzerte im „Raum Mitteldeutschland“ statt. Eine als Geburtstagsfeier mit 30 Personen angekündigte Veranstaltung auf dem brandenburgischen Flugplatz Briest entpuppte sich zu einem hochkarätigen Neonazikonzert mit mindestens 700 Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet. Hier gelang es etwa 400 Polizeibeamten im späteren Verlauf der Nacht die Veranstaltung zu beenden. Ein weiteres Neonazikonzert unter dem Motto: „Hardcore until the end“ fand scheinbar unbemerkt in einem Dorf in Sachsen statt.