Den rechten Konsens brechen! (2)

[Nationale Homezone Jerichower Land]

Das Jerichower Land, besonders die Kreisstadt Burg, unterscheidet sich kaum von anderen ostdeutschen Kleinstädten. Jugendliche, die anders sind und somit nicht in das Weltbild der Nazis passen, werden bedroht und angegriffen. Neben dem Harz gehört das Jerichower Land zu den Räumen in Sachsen-Anhalt, in denen die meisten Aktivitäten von Neonazis festzustellen sind. Seit Ende der 90er Jahre besteht hier in Kontinuität eine große neonazistische Szene. Vor etwa zwei Jahren, mit dem Eintritt in das Organisationsprojekt „Freies Netz“ von Neonazis aus Mitteldeutschland, verstärkte sich auch das organisatorische Auftreten regionaler Nazis. Kundgebungen, Demonstrationen oder Propagandadelikten finden regelmäßig statt. Neben Sprühereien mit rassistischen und antisemitischen Inhalten wie „Kein Blut für Israel“, „Antifa ausrotten“ oder „White Power“ finden sich auch Morddrohungen an Hauswänden. Bedrohungen dieser Art richten sich auch gegen Antifaschist_innen. So wurden am Haus eines Antifaschisten die Wörter „Jude“ und „Zecke“ gesprüht und die Fenster beschädigt. Außerdem wurde an einer Hauswand die Losung „[Person] tot oder am Leben – 50 Euro“ angebracht. Diese richtete sich gegen einen namentlich bekannten Antifaschisten, der regelmäßig von Neonazis bedroht wird. In den Kneipen, Bar´s und Diskotheken ist rund die Hälfte des Publikums rechts eingestellt. Die Diskothek „Nightfly“ in Burg war bis zu ihrer Schließung Ende 2008 vorwiegend an den Wochenenden öffentlicher Haupttreffpunkt der Neonaziszene. Mehr als zwei Jahre lang gingen von diesem Ort spontane Angriffe und organisierte Aktionen aus. So wurde am 24. Mai 2008 ein Flüchtling aus Burkina Faso nach einem Besuch im „Nightfly“ zusammen mit seinem Freund aus Saudi-Arabien von einer ca. 10-köpfigen Gruppe rassistisch beleidigt, bespuckt und geschlagen.
Der Betroffene aus Burkina Faso erlitt eine Augenverletzung, der Mann aus Saudi-Arabien wurde durch Tritte am Knie schwer verletzt. Der Türsteher der Disko griff nicht ein. Die von den Verletzten gerufene Polizei nahm nicht die Personalien der anwesenden Neonazis auf, sondern fuhr die beiden Angegriffenen lediglich ins Krankenhaus. Am 25. Dezember letzten Jahres kam es erneut zu einem schweren Angriff. Kurz nach Mitternacht wurde ein Migrant in einer Disko in Burg angegriffen, geschubst und rassistisch beleidigt. Nicht die Neonazis, sondern er und sein Begleiter wurden der Disko verwiesen. Draußen begannen rund 20 Personen, die ihnen aus der Diskothek gefolgt waren, eine Verfolgungsjagd. Nachdem das „Nightfly“ geschlossen wurde, fanden die Nazis schnell einen neuen öffentlichen Treffpunkt – die Tanzbar „Big Ben“ in der Bahnhofsstraße. Auch von dort aus gab es seitdem Angriffe, die sich überwiegend gegen Linke richteten. Die anderen Gäste dieser Orte nehmen das Problem nur mit einen Schulterzucken zur Kenntnis. So werden Nazis zu tolerierten „Nachbarn“ und öffentliche Orte zur sicheren Homezone für „Nationale Sozialisten“.

[Rechte Organisierungsbestrebungen]

Während sich die Aktivitäten der lokalen Neonaziszene lange Zeit lediglich auf Auswärtsfahrten zu Aufmärschen oder das Kleben von Aufklebern beschränkte, sind seit rund zwei Jahren auch in Burg Kundgebungen, Flugblattaktionen und Demonstrationen der regionalen Neonazi-Strukturen keine Seltenheit mehr. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war der Beitritt in die Neonazistruktur „Freies Netz“, die in Sachsen, Sachsen Anhalt und Thüringen mit rund acht lokalen Ablegern vertreten ist. Initiiert wurde dies Ende 2006 von Maik Scheffler aus Delitzsch und Thomas Gerlach aus Altenburg. Bei der Gründung Ende 2006 verstand sich das „FN“ noch als „Mitteldeutsches Infoportal der freien Kräfte“ und sollte den Gegenpol zum NPD nahen „Nationalen Beobachter“ sein. Im Laufe der Zeit änderte sich dies, inzwischen rufen einige Regionalabteilungen des „FN“ immer wieder zu Veranstaltungen, Wahlkampfhilfe oder anderen Dingen der NPD auf. Das „FN“ ist seit seiner Gründung allerdings das geblieben, was es auch ausmacht. Eine organisatorischer Versuch, „Bündnisarbeit“ von „Nationalen Sozialisten“ in Mitteldeutschland und darüber hinaus erfolgreicher zu organisieren. Zurzeit sind in dem „Freien Netz Mitteldeutschland“ die Standorte Burg, Altenburg, Borna/Geithain, Chemnitz, Leipzig, Zwickau, Jena und Nordsachen (Delitzsch, Wurzen, Eilenburg, Bad Düben) organisiert.

Seit etwa einem Jahr treten Nazis aus dem Jerichower Land, die wahlweise unter dem Namen „Freie Kräfte Burg“ oder „Autonome Nationalisten Jerichower Land“ agieren, auch als fester Bestandteil des Ordnerdienstes auf überregionalen Aufmärschen auf. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Neonazis Denny G., Christian K., Benjamin N. und Michael S. zu nennen. Denny G. kann innerhalb der „Freien Netz“-Strukturen im Jerichower Land und Burg klar als Führungsperson ausgemacht werden. Dieser wohnt mit Kevin S. in einem Haus in der Burger Südstraße. Kevin S.,wie auch Michael S., betätigen sich in Burg und auf bundesweiten Demonstration als „Anti-Antifa“-Fotografen und versuchen somit Daten politischer Gegner zu sammeln.
Neben den Ausspähungsversuchen linker Strukturen und die Übernahme von organisatorischen Aufgaben innerhalb des regionalen- und überregionalen Neonazi-Netzwerks versuchen sich die „Autonome Nationalisten Jerichower Land“ auch kulturell zu etablieren. Als eine Tradition können ihre so genannten „Wintersonnenwend“– und „Sommersonnenwendfeiern“ getrost bezeichnet werden. Als eine Sommersonnenwendfeier am 23.Juni 2007 durch die Polizei verhindert wurde, meldete Denny G. eine Demonstration für den 11. August 2007 in Burg an. Am Ende marschierten sie mit 80 Teilnehmer_innen durchs sächsische Delitzsch. Eine weitere Spontandemo am 16.Februar 2008 in Burg wurde nach wenigen hundert Metern von der Polizei gestoppt. Etwa 30 vermummte Neonazis wollten den „Opfern“ der Bombardierung Dresdens gedenken. Nachdem die Spontandemos meist frühzeitig aufgelöst bzw. gestoppt wurden, entschlossen sich die Nazis, am 10.Mai 2008 eine Demonstration anzumelden. Dabei wurde der Termin von Nazis, Polizei und Behörden verschwiegen. Somit zogen etwa 50 Neonazis ungestört unter dem Motto „8.Mai – Wir feiern nicht!“ durch die Straßen Burg´s.

[Versuch eines „Nationalen Jugendzentrums“]

Seit mehr als 5 Jahre versuchen Neonazis im Jerichower Land ein „Nationales Zentrum“ aufzubauen. Dass dies ihnen regelmäßig gelungen war, zeigen ein paar Beispiele. So gab es in Gerwisch (Jerichower Land) bis Mitte 2006 den so genannten „Club 88″. Dieser Club war ein, von der Gemeinde bereitgestelltes, Gebäude im Ort, welches schnell in die Leitung durch Neonazis gelang. Er fungierte hauptsächlich als Veranstaltungsort für Konzerte, an denen bis zu 250 Neonazis teilnahmen. Nach der Schließung fanden die Neonazis in Grabow einen neuen Treffpunkt. Eine alte Scheune auf einen Privatgelände diente als Veranstaltungsort für Konzerte und andere Veranstaltung. Von dort aus machten sich auch am 21.Oktober 2006 etwa 30 mit Sturmmaske und Holzknüppel bewaffnete Nazis nach Gerwisch auf, um eine Geburtstagsfeier von alternativen Jugendlichen anzugreifen. Zuvor fand ein Neonazikonzert mit 200 Teilnehmer_innen in Grabow statt. Seit etwa November 2006 ist auch in Grabow das Gebäude geschlossen. In Brettin wurde ein ehemaliges Bahngebäude und 2 Bauwagen als Treffpunkt bis etwa Ende 2006 genutzt. Unter dem Namen „Festung Brettin“ hielten sich dort meist um die 25 Neonazis auf. Von dort aus kam es regelmäßig zu Übergriffen auf Linke. Mit der Anmietung eines Gebäudes in Genthin-Altenplatow, dass unter dem Namen “ Baracke Genthin“ bekannt war, fanden die Nazis dann ihren bis jetzt größten Veranstaltungsort. Regelmäßige Treffen und Konzerte wurden dort veranstaltet. Am 1.Mai 2008 kam es dann zu einer Feier von etwa 40 Neonazis auf dem Gelände. Die Polizei, die versuchte die Feier aufzulösen, wurde dabei von den Neonazis angegriffen. Einige Tage später wurde den Neonazis der Mietvertrag für das Gebäude gekündigt, was einen 300 Personen starken Aufmarsch unter dem Motto „Nationale Zentren erkämpfen! – Polizeistaat abschaffen!“ am 7.Juni 2008 zur Folge hatte. Hier verdeutlichte sich unter anderem die gute Vernetzung und Aktionsfähigkeit der lokalen Neonazi-Strukturen. In der Genthiner Tanzbar „Neuen Welt“ wurden, als Geburtstagsparty getarnt, zwei weitere Konzerte organisiert. Am 31.Oktober 2008 fand ein Konzert mit Rechtsrock Bands wie „White Society“, „Cynic“, „Preussenstolz“ und „Vae Victis“ statt. Die Polizei, die in einer Pressemitteilung schrieb, sie hätte das Konzert aufgelöst, lies in Wahrheit das Konzert beenden und somit konnten alle Bands ungestört spielen. Eine Woche darauf wurde in Burg ein antifaschistisches Konzert verboten – der Grund: polizeilicher “Notstand”. Einige Wochen später, am 24. Januar 2009 veranstalteten Neonazis wiederholt in der Tanzbar „Neue Welt“ ein Konzert. Glaubt man den ausschweifenden Erlebnisberichten einschlägiger Neonaziforen, sollen am 24. Januar 2009 zwischen 200 und 270 Rechtsrockfans ein „Konzert in Sachsen Anhalt mit den Bands „Bloodline“, „Die Barbaren“, „Preussenstolz“, „White Society“ und „White Blizzard“ angesehen haben. Nachdem dies durch Antifaschist_innen öffentlich gemacht wurde, fanden derartige Konzerte nicht mehr in diesem Ort statt. Seitdem die “ Baracke Genthin“ geschlossen ist, versuchen Neonazis in Burg einen neuen Ort zu finden um Konzerte und weitere Veranstaltungen zu organisieren.

[Dem Schweigen ein Ende bereiten]

Der widerwärtige Alltagscharakter in den Provinzen entfaltet sich nicht nur, weil Nazis das machen, was Nazis halt so machen: Fremde hassen, Linke hassen, nicht-Rechte hassen, Schwule hassen, Juden hassen, antisemitischen Verschwörungstheorien anhängen, den Nationalsozialismus lieben, Blut lieben, Boden lieben, Eichen lieben und sich permanent größenwahnsinnig, unbesiegbar oder wahlweise von allen verfolgt fühlen. Es brauch doch einiges mehr an Dorfpöbel, um den Topf zum überlaufen zu bringen. Vielerorts hat man so lange Weggesehen, Geschwiegen, Relativiert, Zugestimmt und Verständnis für die „wilden Jugendlichen“ bzw. die jugendlichen Wilden gezeigt, das ein anders-sein, ein nicht-rechts-sein, in der braunen Suppe nur schwer, schlimmsten Falls gar nicht mehr möglich war. Anders-Sein bedeutet dann Gewalterfahrungen, sozialen Druck und Einschränkungen – gar den Tod. Die Idylle und Harmonie des Landes ist der Zwang zur Konformität mit einem Alltag voll von Nazis, ihren Freunden und Freundinnen, dem schweigenden Rest und dem verständnisvollen Fanblock. Die Idylle und Harmonie des Landes wird zum Terror. Keine Aufschreie des Entsetzens, wenn Nazirudel nachts auf Jagd nach Menschen gehen, die nicht in ihr Weltbild passen können und wollen. Keine Empathie für die Opfer rechter, antisemitischer, homophober und rassistischer Gewalt – ob als Drohungen an Wände geschmiert oder durch physische Angriffe. Und wenn die Dorfidylle doch ihre Opfer fordert, weiß man zumindest ganz sicher, dass das Problem von außen kommt. Dann steht der Haufen Seite an Seite eng zusammen gegen die Presse, die angeblich Braune-Scheiße über den Dorffrieden kippt oder die böse Antifa, die voll von zugereisten Krawalltouristen ist.

Nicht nur die relative ungestörte Kontinuität rassistischer Angriffe und das Agieren der Nazistrukturen, wie auch die Ignoranz und das Zuschauen der Mehrheitsgesellschaft, bieten Grund genug, selbstbestimmt und laut unseren Ärger auf die Strasse zu tragen. Linksradikalde Politik kann nicht allein mit „gegen Nazis“ gleichgesetzt werden. Sie muss als Gesamtgesellschaftliche Kritik vestanden werden!

Den rechten Konsens brechen!
Auf nach Burg!